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Der entmündigte Arzt
In der Gesundheitspolitik sind Bestrebungen im Gang, das Recht auf freie Therapiewahl zugunsten der pharmazeutischen Industrie einzuschränken.
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Stellen Sie sich vor, Sie gehen
zum Arzt, und dieser verschreibt Ihnen ein ganz bestimmtes
pharmazeutisches Medikament - weil er gar nichts anderes
mehr verschreiben darf. Noch ist dieses Bild düstere
Zukunftsvision. Nach dem Wunsch der Pharmaindustrie
aber nicht mehr lange.
‚Evidenzbasierte Medizin' heißt das Zauberwort des
modernen Gesundheitswesens, kurz EbM. Pate stand der
englische Begriff ‚Evidence based Medicine'. Damit
meint man eine Medizin, deren Wirksamkeit durch wissenschaftliche
Studien belegt ist. Dieser Anspruch ist legitim, denn
bei dem immer unübersichtlicher werdenden Angebot
von Medikamenten und neuen Therapieformen darf der
Überblick nicht verloren gehen. Ganz klar: Krankenkassen
und Gesundheitsbehörden wollen wissen, welches die
wirksamsten Behandlungsmethoden für eine bestimmte
Krankheit sind. Das soll nicht zuletzt zu einer Senkung
der Krankenkosten führen.
Doch es besteht auch die Gefahr, daß Ärzte und Patienten
unter dem Diktat der Wissenschaftlichkeit entmündigt
werden. ‚Konkurs der ärztlichen Urteilskraft?' titelte
das ‚Deutsche Ärzteblatt' am 15. August 2003 provokativ.
Erstaunlich, was hochangesehene Mediziner im Nachfolgenden
zu sagen hatten:
Streng wissenschaftlich betrachtet, dürfte ein Arzt
gar nicht in der Lage sein, aufgrund seiner individuellen
Erfahrung die richtige Therapie für einen Patienten
zu erkennen - doch das sei natürlich Quatsch (die
Akademiker drückten sich selbstverständlich gewählter
aus!). Die Kritik der Mediziner richtet sich gegen
die kompromißlose Anwendung jener vier Prämissen,
welche heute die Grundlage eines jeden wissenschaftlichen
Beweises bilden und einst von vier berühmten Philosophen
und Methodikern aufgestellt wurden:
-
experimentelle Bedingungen (Francis Bacon, 17. Jhd.),
-
häufig wiederholte Beobachtungen (David Hume, 18.
Jhd.),
-
Vergleichen (John Stewart Mill, 19. Jhd.),
-
Randomisierung
(Ronald Fisher, 20. Jhd.).
Übertragen auf die Medizin bedeutet
dies, daß die Wirksamkeit eines Medikamentes erst
dann wissenschaftlich anerkannt wird, wenn eine Studie
(= experimentelle Bedingungen) mit einer großen Zahl
von Patienten (= Wiederholbarkeit der Ergebnisse)
und einer ebenso großen, nicht behandelten Kontrollgruppe
(= Vergleichen) deutliche positive Resultate bringt,
wobei die Auswahl der Patienten zur Prüf- bzw. Kontrollgruppe
rein ‚zufällig' geschieht (= Randomisierung). Dieses
Vorgehen leuchtet im ersten Moment ein. Streng genommen
bedeutet es aber, daß die Berufserfahrung eines Arztes
nichts mehr zählt, denn die Krankheitsgeschichten
seiner Patienten waren ja immer bloss aus dem Leben
gegriffene Einzelfälle - und erfüllten deswegen keine
der vier oben aufgeführten Bedingungen. Die daraus
gewonnenen Erkenntnisse des Arztes sind also - wissenschaftstheoretisch
gesehen - nicht relevant.
Nun ja. Wir alle wissen, daß zwischen Theorie und
Praxis Welten liegen können. Und ein altgedienter
Landarzt findet unter Umständen in den zehn Minuten
Plauderei mehr über die Krankheitsursachen seines
Patienten heraus, als ihm ein stundenlanges Wälzen
wissenschaftlicher Studienresultate geben könnte.
Besonders die Prämisse von David Hume ist ein zweischneidiges
Schwert. Denn sie behauptet, daß es unmöglich sei,
am Einzelfall einen gesetzmäßigen Kausalzusammenhang
zu erkennen. Der Theoretiker Karl Duncker bewies aber
schon 1935 mit einfachen Beispielen, daß Humes Dogma
im Grundsatz falsch ist.
"Dunckers Ausführungen waren eine erkenntnistheoretische
Revolution ersten Ranges, die allerdings in der Medizin
nicht zur Kenntnis genommen wurde", gibt das ‚Deutsche
Ärzteblatt' zu. Diese Aussage ist wahrlich Sprengstoff,
bedeutet sie doch, daß auch Einzelfälle eine wissenschaftliche
Aussagekraft haben können. Logisch. Für uns wissenschaftliche
Laien war das immer schon klar! Viele Experten aus
Gesundheitswesen, Politik, Medizin und Wirtschaft
aber scheinen das einfach nicht begreifen zu können.
Deshalb berufen sich beispielsweise offizielle Stellen
immer noch darauf, es sei nicht ‚wissenschaftlich'
bewiesen, daß Mikrowellenstrahlung oder Elektrosmog
tatsächlich krank mache. Einzelbeschwerden - so die
industriefreundliche Argumentation - ließen nicht
automatisch auf eine grundsätzliche Gesundheitsgefahr
für alle Menschen schließen.
Freie Wahl ade!
Zurück zur evidenzbasierten Medizin (EbM). Seit einem
guten Jahrzehnt werden ihretwegen alle möglichen Therapieformen
geprüft. Das Fundament dieser EbM-Analysen ist die
randomisierte Studie (mit einer zufälligen Auswahl
von Prüf- und Kontrollgruppe). Ein an der EbM ausgerichtetes
Gesundheitswesen, wie man es auch bei uns vorantreibt,
wird letztlich darin enden, daß den Ärzten nur noch
jene Therapien zur Verfügung stehen werden, die nach
dem Maßstab der EbM positiv beurteilt wurden. Und
selbstverständlich werden die Krankenkassen nur noch
diese Therapien bezahlen.
Dies läuft auf eine Bevormundung sowohl des Arztes
wie auch des Patienten heraus, weil man klar festschreiben
will, welche Krankheit mit welcher Therapie zu behandeln
sei. "Es stellt sich die Frage, welchen Stellenwert
das auf ärztlicher Erfahrung beruhende, individuelle
Urteil zukünftig in der Medizin haben wird", sorgen
sich die ‚Ärzteblatt'-Autoren. "Soll es, zugunsten
formalisierter Verfahren, als grundsätzlich unzuverlässig
eliminiert werden?"
Die Beantwortung dieser Frage ist für die Gesundheitspolitik
von eminenter Bedeutung. Das ‚Deutsche Ärzteblatt'
fährt fort: "Solange man davon ausgeht, daß der Arzt
von sich aus prinzipiell nicht beurteilen kann, ob
er mit einer Behandlung dem konkreten Patienten hilft,
nicht hilft oder schadet, muß er folgerichtig ferngesteuert
werden durch beispielsweise Epidemiologen, Statistiker,
Staat und Krankenkassen. Der Arzt als autonome Instanz
wird unter dieser Prämisse entmündigt. Er hat wissenschaftliche
‚Erkenntnisse' umzusetzen und wird zum Erfüllungsgehilfen
klinischer (industrieller) Forschung."
Pharma-Riesen im Vorteil
Randomisierte Studien, die künftig darüber entscheiden
könnten, ob eine Therapie staatlich anerkannt wird
oder nicht, sind extrem teuer. Die Kosten liegen schätzungsweise
zwischen 5'000 bis 10'000 Euro pro Patient! Eine in
den USA angelaufene randomisierte Studie, die eine
bestimmte Therapie für Herzkrankheiten prüfen soll,
kostet beispielsweise dreißig Millionen Dollar.
Wer kann sich das heute noch leisten? - Richtig: Nur
die großen Pharmakonzerne. "Wegen hoher Kosten bei
zugleich geringer staatlicher oder gemeinnütziger
Förderung wandert die klinische Forschung zunehmend
in die Domäne der pharmazeutischen Industrie ab, wo
sie Zulassungs- und Marketinginteressen gehorcht",
kommt das ‚Deutsche Ärzteblatt' zum Schluß. Als Konsequenz
würden praktisch nur Therapien erforscht, die patentierbar
und gewinnversprechend sind. Gemeinhin investiere
die pharmazeutische Industrie nur in Medikamente,
deren geschätzter Umsatz über 300 Millionen Pfund
pro Jahr liege: "Viele Erfolg versprechende Therapien
werden deshalb nur schlecht oder nie überprüft, zumal
wenn sie sich nicht durch Patente schützen lassen."
Was das konkret bedeutet, machen die Geschäftszahlen
des US-Konzerns ‚Pfizer' deutlich. Mit einem Umsatz
von 32,4 Milliarden Dollar (2002) ist das Unternehmen
der weltweit erfolgreichste Pharmakonzern. ‚Pfizers'
Zugpferd, das cholesterinsenkende und patentierte
‚Lipitor', ist mit acht Milliarden Dollar das umsatzstärkste
Medikament aller Zeiten. Es wird im Jahre 2005 vermutlich
als erstes Medikament überhaupt einen Jahresumsatz
von über zehn Milliarden Dollar erreichen.
Konzernchef Henry McKinnell jubelte Ende 2003 in einem
‚Spiegel'-Interview: "Heute können wir im Dienst von
Patienten Jahr für Jahr sieben Milliarden Dollar für
Forschung und Entwicklung ausgeben." - Sehr gut, möchte
man loben; bei einem so großen finanziellen Aufwand
darf sicher mit vielen erfolgreichen Neuentwicklungen
von Medikamenten gerechnet werden.
Diesem Trugschluß aber widerspricht das ‚Deutsche
Ärzteblatt'. Seine Autoren beklagen nämlich gerade,
daß die Entwicklung neuer Therapien heute dank einer
auf EbM ausgerichteten Gesundheitspolitik fast ausschließlich
der Industrie obliegt, "weit entfernt von individuellen,
Patienten behandelnden Ärzten".
Früher waren es geniale Einzelforscher, die erfolgreich
Medikamente entwickelten; häufig Ärzte, die aus der
täglichen Fürsorge und Behandlung kranker Menschen
heraus ein praktisch geschultes Urteilsvermögen besaßen,
das heute vermehrt als unwissenschaftlich und ungültig
gilt. Heute setzt man hingegen auf computergestütztes
Medikamentendesign, Maßenscreening und Genforschung.
Das ist sehr teuer - und ziemlich unproduktiv. "Die
jährliche Rate neu entwickelter und eingeführter Präparate
sank in den letzten 50 Jahren um fast zwei Drittel",
erklärt das ‚Deutsche Ärzteblatt', "wobei die neuen
Medikamente häufig keinen therapeutischen Vorteil
zeigen, jedoch um ein Vielfaches teurer sind als vorhandene
Präparate."
Da drängt sich die Frage auf, Herr McKinnell, zu wessen
Wohl die pharmazeutische Industrie in erster Linie
forscht…
Doch damit nicht genug: Im Jahre 2001 hatten dreizehn
der weltweit bedeutendsten Medizin-Journale - darunter
‚The Lancet', ‚The New England Journal of Medicine'
und ‚The Journal of the American Medical Association'
- die führenden internationalen Pharmakonzerne beschuldigt,
die Resultate wissenschaftlicher Studien aus Profitgier
zu verzerren.
Wissenschaftler seien nicht mehr in der Lage, frei
und objektiv über die Ergebnisse ihrer Medikamentenstudien
zu berichten, weil die Herstellerfirmen ansonsten
die finanzielle Unterstützung der betreffenden Forschungslabors
einstellen würden. Immer häufiger führen die Konzerne
die teuren Studien sowieso selber durch - unbequeme
Forscher riskieren dann gleich ihre Anstellung (Mehr
dazu: ZS 27, Seite 3).
Gefährdete Naturheilverfahren
Die randomisierte Studie als ‚Goldstandard' der evidenzbasierten
Medizin bringt, wie wir gesehen haben, nur den Pharma-Multis
goldene Gewinne ein. Alle anderen sind die großen
Verlierer im EbM-Biotop.
Dabei ist dieser ‚Goldstandard' der klinischen Therapieprüfung
eher Blech denn Gold: Experten weisen immer wieder
darauf hin, auch randomisierte Studien seien auf Fehler
anfällig. Selbst wenn die Studie zu einem negativen
Ergebnis kommt, bedeutet das nicht unbedingt, daß
die Therapie tatsächlich unwirksam ist. Und ein fehlendes
Studienergebnis - weil beispielsweise das hierfür
nötige Geld nicht vorhanden ist - beweist erst recht
keine Unwirksamkeit der entsprechenden Therapie.
So trivial diese Argumente sind, werden sie in der
Gesundheitspolitik doch kaum beachtet, moniert das
‚Deutsche Ärzteblatt'. "Es besteht die Gefahr, daß
Therapien ohne Wirksamkeitsnachweis, auch wenn sie
wirksam sind, eliminiert werden nach dem Motto mancher
EbM-Lehrbücher: ‚Beginnt, sie zu stoppen'."
Das trifft vor allem die Naturheilverfahren, welche
sich nicht patentieren lassen und vielen Pharmakologen
grundsätzlich ein Ärgernis sind. Phytotherapie (Pflanzenheilkunde),
Homöopathie, anthroposophische Medizin und ähnliche
Therapieformen sind erfahrungsorientiert und können
nur teilweise mit statistisch-epidemiologischen und
formalisierten Prüfverfahren erfaßt werden. Folglich
laufen sie Gefahr, von den Kassen nicht mehr vergütet
oder im Extremfall per Gesetz ganz verboten zu werden
(Mit der neuen Gesundheitsreform in Deutschland müssen
bereits jetzt alle Medikamente, die nicht verschreibungspflichtig
sind, selbst bezahlt werden). Selbst viele Vitaminpräparate
könnten künftig vom Markt verschwinden, weil ihre
Dosierung als Nahrungsergänzung zu hoch ist, sie aber
mangels positiver formalisierter Nachweisverfahren
nicht als Heilmittel zugelassen werden.
Das ist ganz bestimmt nicht im Sinne der Bevölkerung.
Laut einer Allensbach-Umfrage verwenden nämlich 73
Prozent der Deutschen Naturheilmittel und möchten
auch, daß die Krankenkassen die Kosten übernehmen.
Eine vom ‚Bundesfachverband der Arzneimittelhersteller'
durchgeführte Umfrage kam schon 1999 zum Schluß, daß
drei Viertel aller Befragten ein Naturheilmittel einem
chemischen Arzneimittel vorziehen würden, wenn sie
die freie Wahl hätten.
Wir alle - nicht nur die Gesundheitspolitiker - müssen
uns deshalb die Ermahnung im ‚Deutschen Ärzteblatt'
zu Herzen nehmen: "Wer sich Naivität im Befürworten
und Verfolgen einer EbM-Gesundheitspolitik erlaubt,
fördert eine kommerzbasierte Medizin - das Gegenteil
des Beabsichtigten." Handeln wir entsprechend!
ben
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