Von Benjamin Seiler
Die letzten fünf Monate waren die schönste Zeit, die sie in
den 35 Ehejahren mit Urs verbracht hatte. Endlich hatte sie
ihren vollkommenen Traummann gefunden. Er lag im Sterben. Im
Mai 2003 begannen die ersten Beschwerden. Im Juli wurde Pankreas-Krebs
diagnostiziert. "Es traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel",
erinnert sich Ursula Moser. "Urs war weder Alkoholiker noch
Raucher. Er trieb mäßig Sport und lebte ein sehr gesundes Leben."
Krebs aber kommt selten ‚einfach so'. Das weiß Ursula Moser
als Therapeutin ganz genau. "Die psychische Ursache des Bauchspeicheldrüsenkrebs
ist ein unverdauter Brocken, der einem auf dem Magen liegt";
erklärt sie. "Schock-Erlebnisse können ebenfalls Krebs auslösen."
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Das Sterben
kann auch für die Hinterbliebenen eine transfor-
mierende Erfahrung sein. (Bild: Rolf Cigler - "Heim
ins Licht") |
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Und Schocks hatte Urs in seinem Leben einige zu verwinden.
Viele davon hatten einen gemeinsamen Grundtenor: Du bist
nichts wert. Ein Schlüsselerlebnis aus Kindertagen sollte
Urs das ganze Leben lang begleiten. Er wuchs als Kind der einzigen
protestantischen Familie in einem streng katholischen Dorf auf.
Als der kleine Urs einmal den Joseph im weihnachtlichen Krippenspiel
hätte darstellen sollen, rief der katholische Pfarrer wütend
aus, er werde das Spiel in der Kirche boykottieren, wenn "dieser
Reformierte" tatsächlich den Heiligen Joseph spiele. "Erst am
Ende seines Lebens", erzählt Ursula, "gestand mir Urs, daß damals
sein Lebensmotto geboren wurde: Ich will allen beweisen, daß
ich auch jemand bin!"
Fünf Jahrzehnte später ziehen Urs und Ursula Moser in eine wunderschöne
Eigentumswohnung in der Zentralschweiz. Da er selbständig arbeitet,
muß sich der technische Zeichner einen neuen Kundenkreis aufbauen.
Deshalb schreibt er über 50 Bewerbungen und verschickt Prospekte.
Doch nicht ein einziger Adressat antwortet. Für Urs fühlt sich
dies an, als ob er gar nicht existieren würde. Das zieht ihm
fast den Boden unter den Füssen weg, wie er später zugibt. Seiner
Frau erzählt er nichts. Im selben Monat aber beginnen die Bauchschmerzen…
Für Ursula ist klar, daß ihr um zwei Jahre älterer Ehemann ‚vor
seiner Zeit' starb. "Nach der Diagnose geriet meine Welt ins
Wanken. Ich hatte furchtbar Angst, Urs zu verlieren. Als ich
eines Tages auf unserem Balkon stand, in den Himmel blickte
und Gott fragte, ob es wirklich Sein Wunsch sei, daß Urs gehen
müsse, hörte ich tief in mir eine Stimme antworten: Es ist nicht
Mein Wunsch; seine Zeit ist noch nicht gekommen, aber es kommt
jetzt ganz allein auf ihn an."
Wie die meisten schweren Probleme verdrängte Urs auch seine
Krankheit. "Ich werde den Krebs bekämpfen", redete er sich immer
wieder ein. Doch eine solche Krankheit kann man nicht bekämpfen,
meint Ursula, "man kann sie nur annehmen." Sie brachte ihren
Mann dazu, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, zusammen planten
sie seine Beerdigungsfeier. Urs wählte die Musik aus, die Karten,
den Ort. Allen in einer ähnlichen Situation legt Ursula ans
Herz:
"Redet nicht erst über den Tod, wenn es soweit ist. Sprecht
offen miteinander, auch über das Begräbnis. Und laßt euch durch
Rituale wie beispielsweise das Beten helfen." Die Gespräche
halfen Urs, sein Schicksal anzunehmen. Chemotherapie, Bestrahlung
oder Operation kam für ihn nicht in Frage. Er wußte, daß seine
Überlebenschancen mit natürlichen Heilmitteln größer waren.
Trotzdem begann er, seine Frau auf das Leben ohne ihn vorzubereiten.
Er zwang sie, sich mit allen finanziellen Aspekten und Fragen
des Alltags auseinanderzusetzen - vieles davon Dinge, die sie
bis anhin aus Bequemlichkeit ihm überlassen hatte. "Oh, er war
ein sehr strenger Lehrer", seufzt Ursula. "All die Jahre wollte
ich ihn immer verändern; in diesen fünf Monaten aber lehrte
er mich, was ich ihm beizubringen trachtete."
Der Lebensrhythmus verlangsamte sich immer mehr. Die morgendliche
Toilette dauerte Stunden - und Ursula lernte die Geduld. "Ich
mußte immer bei ihm im Bad sein, damit ihm nichts passiert.
Doch ich durfte nicht sprechen, mußte still dasitzen. Er lehrte
mich, ruhig zu werden. Ich erkannte die Kraft, die in der Langsamkeit
liegt. Die Alltagssorgen waren nicht mehr wichtig. Und heute
kann ich gelassen bleiben, den richtigen Zeitpunkt abwarten,
selbst wenn es um mich herum kracht und rumpelt."
In ihr Tagebuch schrieb Ursula den Satz: "Ich lerne, ihn über
mich zu setzen." Genau davor hatte sie immer Angst gehabt, weil
sie meinte, daß sich verliert, wer sich völlig hingibt. "Das
stimmt überhaupt nicht. In dieser Hingabe ist nichts, was dich
herunterzieht. Diese Hingabe ist groß und sie erhöht dich. Durch
sie habe ich mich erst selbst gefunden und bin gewachsen, wie
niemals zuvor." Im übertragenen Sinn wurde Ursula vor ihrem
Mann in die Knie gezwungen, wie sie es selber ausdrückt. Doch
ihr Wesen reagierte nicht mit Auflehnung, wie sie es erwartet
hatte, sondern fand darin tiefe Erfüllung. Wenn sich Partner
gegenseitig dienen, dann heben sie den anderen zu immer größeren
Höhen empor. Das durften Ursula und Urs in den letzten Wochen
ihrer gemeinsamen Zeit erfahren.
Der einst stattliche und unerschütterliche Urs welkte zusehends
dahin. Je zerbrechlicher sein Körper wurde, desto klarer schien
nun sein Geist hervor. Er, der seine Unsicherheit und Sorgen
gerne hinter einem Späßchen versteckt hatte, wurde ernsthaft
und echt, machte niemandem mehr etwas vor. "Die verschiedenen
Masken lösten sich einfach auf." Oft saß er einfach nur still
mit geschlossenen Augen da und dachte - nichts. "Zum ersten
Mal in seinem Leben ging er ganz in sich hinein." Die Späße
wurden seltener, kamen dafür von einer ganz anderen Ebene. Urs
begann, andere Musik zu hören und zu erfühlen, wer in den nächsten
Momenten anrufen würde.
Ursula lernte einen völlig neuen Mann kennen. Den Mann ihrer
Träume nämlich, den sie sich immer gewünscht hatte. 35 Jahre
hatten die beiden das geführt, was man als eine gute Ehe mit
ihren Höhen und Tiefen bezeichnet - und doch hatten sie sich
nicht erkannt. "Ein Leben lang konnten wir nicht wirklich miteinander
über jene Dinge reden, die uns im Innersten beschäftigten, weil
wir uns vor Verletzungen fürchteten", gesteht Ursula. Und so
lebte sie mit ihrem Traummann zusammen, ohne es zu wissen und
fühlte sich selbst unerkannt. Eine Tragik, der so viele Paare
entrinnen könnten, wenn sie früh den Mut zur vollkommenen Ehrlichkeit
aufbringen würden. Unter Tränen sagt Ursula: "Ich habe meinen
Traummann in den letzten fünf Monaten unseres Zusammenlebens
gefunden. Deshalb war diese Zeit für mich trotz allem die schönste,
intensivste und reinste unserer 35jährigen Ehe."
Ihre Beziehung fand zu einem nie gekannten Ausmaß an gegenseitigem
Respekt, der durchdrungen war "von der Essenz der reinsten Liebe
- Liebe auf einer höchsten Ebene, die nichts mehr mit dem Körperlichen
gemein hat." Etwas, das die beiden nicht gekannt hatten? "Überhaupt
nicht! Wir waren ein ‚ganz normales' Ehepaar, aber diese Liebe
war uns völlig neu."
Urs entglitt der materiellen Welt Stück für Stück. Es begann
nach einem epileptischen Anfall zwei Monate vor seinem Tod.
Ursula hatte ihn ins Schlafzimmer geschleppt, wo er plötzlich
die Augen zusammenkniff und murmelte: "Woher kommt dieses gleißende,
orange Licht? Was ist das für ein Kopf darin?" Und dann wurde
er ganz steif. Als er wieder zu sich kam, erzählte er beglückt
von himmlischen Boten, die ihn bald heimholen würden: "Jetzt
freue ich mich aufs Sterben!"
Engel konnte Urs immer häufiger sehen. Einmal schickte er Freunde,
die zu Besuch gekommen waren, plötzlich nach Hause, "weil die
ganze Wohnung voller Engel ist und wir keinen Platz mehr haben".
Die letzten Tage verbrachte Urs in der Klinik. Das Zeitgefühl
verließ ihn zusehends und Ursula wußte, daß es langsam zu Ende
ging. "Es gab Tage, da sagte er mir morgens, ‚Heute wird es
ein ruhiger Tag, ich mag nicht sprechen'. Dann lag er die ganze
Zeit mit geschlossenen Augen da. Wenn ich sagte, du kannst doch
nicht einfach den ganzen Tag gar nichts denken, antwortete er,
‚Ich denke nichts mehr, ich bin einfach leer'."
Einmal sah er sie an und murmelte: "Jetzt gehe ich bald heim."
Dann blickten seine Augen nach oben und Ursula fragte, ob Engel
da wären. "Ja, ganz viele. Sie möchten mich mitnehmen, aber
ich will noch nicht." Da salbte ihn Ursula mit heiligem Öl,
das sie von einem Priester erhalten hatte, und plötzlich war
der ganze Raum von intensivem Lilienduft erfüllt.
Als Ursula ihren Mann zum letzten Mal sah, sagte er ihr, daß
er kämpfen, kämpfen wolle. "Warum willst du denn kämpfen?" -
"Ich will noch nicht gehen." - Aber du darfst gehen." - "Ja,
muß ich denn nicht auf dich warten?" - "Nein… du darfst jetzt
gehen."
Seine Augen wanderten über Ursulas Kopf hinweg und fixierten
einen Punkt an der Decke. Und dann begann Urs lautlos zu sprechen.
Und zu lauschen. Und zu sprechen. Sicher eine Viertelstunde
lang, mit unverwandtem Blick. Schließlich schloß er die Augen
und war still. "Ich muß gestehen, ich habe Urs erst bei unserem
letzten Zusammensein gesagt, daß ich ihn freigebe. Vorher klammerte
ich mich immer noch an ihm fest, wollte ihn unter keinen Umständen
gehen lassen. Das hat er genau gewußt."
Als Urs in den frühen Morgenstunden sanft entschlief, schreckte
Ursula in ihrem Bett hoch und verspürte einen schweren Druck
auf ihrem Herzen. Sie rief die reinigende Kraft des Violetten
Feuers an und war kaum fertig, da klingelte auch schon das Telefon.
Die sterblichen Überreste von Urs sind längst in alle Winde
verstreut. Doch die Liebe bleibt bestehen. "Kurz nach seinem
Übergang spürte ich eines Nachts im Halbschlaf, wie mich jemand
ganz fest von hinten im Arm hält. Ich wußte einfach, daß Urs
gekommen war, um sich zu verabschieden", erinnert sich Ursula.
"Dann ist er zu höheren Reichen weitergegangen. Doch mein Herz
erreicht ihn noch immer und ich spüre seine Liebe. Das tröstet
mich, denn diese Herzensbrücke besteht mit dem aus der Krankheit
geborenen, neuen Urs - der alte Urs ist nicht mehr."
Eine letzte, und die wohl schwierigste Frage soll Ursula Moser
noch beantworten: Wenn sie die Wahl hätte zwischen einem langen,
gemeinsamen Lebensabend mit dem ‚alten' Urs und den fünf Leidensmonaten,
welche den ‚neuen' Urs offenbarten - wofür würde sie sich entscheiden?
"Mit dem Kopf antwortend möchte ich Urs natürlich weiterhin
um mich haben.
Wenn ich aber auf mein Herz höre, so weiß ich, daß ich so nie
die Möglichkeit gehabt hätte, ihn wirklich kennenzulernen und
diese Liebe zu erfahren." Ursula beginnt zu weinen. - Was aber
ist ihr nun wichtiger? "Das Herz, gar keine Frage!" Und jetzt
lächelt sie.
In unserer Druckausgabe Nr.
45 finden Sie noch zwei weitere Portraits über den Tod und
das Sterben: