Von Kristina Peter
Eine Baustelle wie aus einem schönen Traum: Weit und breit kein Beton zu sehen, keinerlei Maschinen und deshalb auch kein Motorenlärm oder Benzingestank. In reiner Handarbeit und in hundertprozentiger Eigenleistung baut hier eine Gemeinschaft höchst naturverbundener Menschen gemeinsam mit Freunden und anderen freiwilligen Helfern ihr künftiges Haus. Kinder sind an diesem Ort nicht nur willkommen, sie können sogar tatkräftig mit helfen, ihr baldiges Zuhause zu gestalten. Hier gibt es Erde und Wasser, woraus Lehm gerührt wird, es gibt Holz und die Hauptsache: Es gibt viel, viel Stroh. Denn es wird ein Haus aus Strohballen!
Strohballen gibt es in Mitteleuropa im Hochsommer wie Sandkörner
am Meer und sie kosten fast nichts. Selbst handwerklich eher ungeschickte
Menschen können innerhalb eines zweitägigen Strohballenbau-Seminares
grundlegende Techniken im Umgang mit dem Baumaterial "Strohballen"
erlernen. Ängste vor kleinen Nagetierchen sind überflüssig und
die grauenerregende Vorstellung, Ihr Haus verwandle sich im Laufe
eines mehr oder weniger kurzen Kompostierungsprozeßes in gute
Gartenerde, können Sie genauso ins Reich der Märchen verbannen
wie diejenige, daß Stroh in Form eines

verputzten Hauses lichterloh brenne. Nachteile sind bei sachgemäßer
Vorgehensweise kaum zu finden. Im Gegenteil: das Wärmedämmvermögen
von Strohballen kann es mit dem von jedem Niedrigenergiehaus aufnehmen
und das Wohnklima ist so angenehm, daß sich erholsamer Schlaf
fast wie von selbst einstellt.
Martin Stengel ist Diplom-Ingenieur und lebt im
Club 99. Das ist eine Nachbarschaft im Ökodorf "Sieben Linden" in Poppau, das in der Altmark in Sachsen-Anhalt liegt. Die dort lebenden Menschen haben sich zum Ziel gesetzt, einen Lebensraum zu gestalten, der in allen seinen Auswirkungen der Heilung der Erde dient und dabei alle Menschen, Wesen und Elemente achtet. Im materiellen Alltag bedeutet dies: ein wohltuend einfacher Lebensstil mit "weniger Brauchen" statt "mehr Produzieren" , zunehmende Selbstversorgung, Nutzung lokaler, kompostierbarer Stoffe und echte Handarbeit durch genußvolle Synthese von Hirn und Muskeln.
In "Sieben Linden" gibt es bereits drei fertige Strohballenhäuser, zwei weitere sind in Planung. Eines der Häuser wurde in Kuppelform gebaut und dient als Gemeinschaftsbad - untrügliches Zeichen dafür, daß Stroh auch mit feuchtem Klima keine Probleme hat - allerdings muß gut gelüftet werden! Martin Stengel bewohnt selbst seit zwei Jahren ein Strohballenhaus und schwärmt von warmen Innenwänden, einer wunderbaren Luftqualität und einer gleichmäßigen Luftfeuchtigkeit zwischen 50 und 60 % bei Holzofenheizung. Selbst wenn nicht täglich geheizt wird, so hält sich die Wärme in den Räumen sehr lange. Wenn der 38jährige sein Haus betritt, so überkommt ihn stets ein Gefühl des Aufatmens und wenn er abends in sein Bett fällt, schläft er gut und tief bis zum nächsten Morgen. Auch sei ihm eine Maus bis jetzt noch nicht über den Weg gelaufen - zumindest nicht in seinen eigenen vier Wänden.
Strohhäuser sind Häuser für alle
Strohhäuser nicht nur was für sonnige, schnee- und regenarme Regionen, im Gegenteil, man baut sie in Norwegen und Schweden, in England wie in Schottland, in Neuseeland und natürlich in Amerika. Dennoch ist es schon eigenartig, daß in den USA und in Kanada mit der Strohballenbauweise seit etwa 1800 experimentiert wird und sich inzwischen diese Niedrigkosten-Architektur dort in großem Maße durchgesetzt hat, während in Europa sowohl dem Strohballen- wie auch dem Lehmbau eine Art "Arme-Leute-Image" anzuhaften scheint. Lieber ackert man ein Leben lang, nur um die eigenen vier Wände abbezahlen zu können. Beton, Gipsplatten, Stahl, Ziegel und Glas - das verspricht Lebensqualität, Sicherheit und Stabilität. Stroh?? Ist das nicht für Pferde und Kühe gedacht? Der moderne Mensch verläßt sich bekanntlich ungern auf die Natur. Man macht das, was alle machen und hilft auf diese Weise - vielleicht oft unwissentlich - tüchtig mit bei der Zerstörung unseres Planeten.
So werden beispielsweise weltweit 40 % des gesamten eingeschlagenen Holzes, der mineralischen Stoffe und des Wassers verwendet, um daraus Baustoffe herzustellen und zu transportieren. Was den Energiebedarf dafür angeht, so benötigt die Bauindustrie 45 % der weltweit konsumierten Energie.
Wer hindert uns also daran, ein etwas anderes Haus zu bauen? Eines aus Stroh und Lehm, Baustoffen, die meist nicht weit vom Baugrundstück entfernt sind und fast so in der Natur vorkommen, wie wir sie zum Bauen verwenden können! Ein Haus, das die Wärme besser hält als die meisten so genannten Niedrigenergiehäuser, eines das so erdbebensicher ist, wie sonst nur Gummi oder Stahlfedern, eines das nicht weniger feuerbeständig wie ein Holzhaus ist und vor allem eines, das Sie selbst aufgrund einfacher Werkzeuge und durchschaubarer Techniken gemeinsam mit ihrer Familie und Freunden mit Ihren eigenen Händen bauen können.
Wie gehen Sie nun vor?
Als allererstes kommt der weniger angenehme, nämlich der bürokratische
Teil der Angelegenheit: Eine Baugenehmigung muß her. Martin Stengel
erzählt von den vielen Gesprächen, die vor dem Bau seines ersten
Strohballenhauses mit den Baubehörden von Sachsen-Anhalt geführt
werden mußten. Neben unzähligen Telefonaten und einem Besuch beim
Kreisbrandschutzbeauftragten mit der Vorführung eines Strohballen-Brandtest-Videos,
bei dem fast alle Beamten des zuständigen

Bauamtes
zugegen waren, war zunächst das Baugutachten einer Materialprüfanstalt
notwendig, dann ein darauf aufbauendes Gutachten des Instituts
für Bautechnik in Berlin und ferner eine sich wiederum darauf
beziehende "Zustimmung im Einzelfall" des Bauministeriums des
Landes Sachsen-Anhalt. Erst mit all diesen Unterlagen in der Tasche
konnte die eigentliche Baugenehmigung für ein Wohnhaus aus Strohballen
beantragt werden. Stroh als "neuer" Baustoff weckt offensichtlich
sofort das Mißtrauen einer jeden Behörde, die auch nur entfernt
mit dem Bau von Häusern zu tun hat. Dabei handelt es sich ja nicht
einmal um einen
neuen Baustoff!
Wenn Sie nun ein Haus aus Strohballen bauen wollten, könnten Sie glücklicherweise die Gutachten verwenden, die sich Martin Stengel mühsam erkämpft hat und auf die ihm bisher erteilte Baugenehmigung verweisen. Allerdings ist Baurecht nach wie vor Ländersache. Die Oberste Bauaufsichtsbehörde Ihres Bundeslandes ist für solche "Sonderfälle" zuständig. "Sonderfall" deshalb, weil Stroh zu den "ungeregelten Baustoffen" gehört. Das sind Baustoffe, die als neuartig gelten und für die noch keine Normen festgelegt sind. Diese Behörde wird Ihnen - wenn alles glatt läuft - eine "Zustimmung im Einzelfall" erteilen, wobei Sie aber bitte den Zeitbedarf und auch die Gebühren für diese Genehmigung nicht unterschätzen sollten. Es kann Monate dauern. Der Fachverband Strohballenbau arbeitet jedoch intensiv an der Erlangung einer allgemein gültigen Baustoffzulassung für Strohballen, womit dann für alle Bauvorhaben in Deutschland Strohballen ein zugelassener Baustoff wären.
Das Material
Strohballen sind das Abfallmaterial der Getreideernte. Was nicht in Ställen oder Matratzen landet, als Verpackungsmaterial oder Strohhüte endet - und das ist heutzutage vergleichsweise wenig - wird verbrannt oder vornehmer ausgedrückt in der Biomasseverbrennung "thermisch verwertet". Stroh wächst jedes Jahr nach und - biologisch angebaut - entsteht somit ein äußerst umweltfreundliches Baumaterial.
Es gibt Strohballen in unterschiedlichster Dichte und Stärke. Je dichter desto besser. Die Preise variieren je nach Anbaumethode (bio oder nicht) und eben nach Dichte. Sie bewegen sich ganz grob zwischen 7 und 20 Euro pro Kubikmeter. Ganz wichtig ist, daß die Strohballen aus trockenem Stroh sehr dicht gepreßt und bis Baubeginn trocken gelagert werden.
Das Fundament
Für Übungszwecke (z. B. Gartenhäuschen) genügen einfache Holzpaletten in einem Schotterbett, auf die die Ballen gestapelt werden. Allerdings sind dies dann eher "vergängliche" Experimentbauten, da bei dieser "Behandlung" die Strohballen recht schnell zu schimmeln beginnen. Bei richtigen Wohnhäusern aus Stroh werden oft gewöhnliche Betonfundamente verwendet. Auch die Kombination Beton mit Stroh gibt es. Dabei werden Strohballen mit Zement eingegossen. Beim Bau eines kalifornischen Öko-Wohnprojekts wurde zwar ebenfalls Beton für das Fundament und auch für die dachtragenden Pfeiler verwendet. Allerdings durfte es nicht der "gute, alte amerikanische Beton" sein. Dieser (wie auch im allgemeinen der deutsche) enthält nämlich Portlandzement als Bindemittel und die Herstellung desselben ist sowohl sehr energieintensiv als auch mit der Emission beträchtlicher Mengen an Treibhausgasen verbunden. Also tauschte man den Portlandzement gegen Flugasche, dem Nebenprodukt der Biomasseverbrennung aus und alle, die diesem Experiment skeptisch beiwohnten, waren außerordentlich überrascht, daß dadurch ein Zement entstanden war, der in mancher Hinsicht sogar noch hochwertiger als die altbewährte Version war.
Entgegen der landläufigen Ansicht gibt es übrigens in den USA durchaus strenge Bauvorschriften. Doch das amerikanische "Netzwerk für Strohballenbau" hat es verstanden, die Ämter mit Testbauten und Materialtests von der Unbedenklichkeit und Zweckmäßigkeit von Stroh als Baustoff zu überzeugen.
Doch nun zurück zum Fundament: Hierzu eignen sich auch eventuell schon auf dem Grundstück vorhandene alte Steinmauern. Diese können gleich etwas höher gezogen werden, um später den Strohwänden einen trockenen Fuß zu gewährleisten (Strohhäuser brauchen "hohe Stiefel und einen breitkrempigen Hut"). Das Strohballenhaus von Martin Stengel und des
Club 99 beispielsweise steht auf recycelten Natursteinblöcken und kommt daher gut ohne Beton aus. Auch Muschelschalen können die Feuchtigkeitsisolierung zum Boden bilden. Am besten ist, man entscheidet vor Ort, welche Methode sich für die jeweilige Region eignet, welches Material in der Nähe vorkommt.
(…) Weitere nützliche Informationen zum Strohballenhaus und viele
Kontaktadressen finden Sie im
vollständigen
Artikel in unserer Druckausgabe Nr. 46.