"Demut heißt sich nicht vergleichen.
In seiner Wirklichkeit ruhend ist das Ich
weder besser noch schlechter,
weder größer noch kleiner
als anderes oder andere.
Es ist - nichts,
aber gleichzeitig eins mit allem."
Wer ist es, der diese Worte schrieb? Ein christlicher Mystiker
des Mittelalters? Ein arabischer Gelehrter? Ein Philosoph des
Fernen Ostens? Keine dieser Vermutungen trifft zu. Diese Worte
sprach ein Politiker. Das glauben Sie nicht? Es ist auch schwer
zu glauben, daß sich gerade auf dem Feld der Politik, in dem
es nur zu oft um Macht und eigene Interessen geht, ein Mann
bewegte, der sich mit Mystik befaßte und dessen Leben eine Suche
nach Gott war. Sein Name: Dag Hammarskjöld (ausgesprochen: Hammarschöld).
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Dag
Hammarskjöd: Schwedischer Uno-Generalsekretär
mit Visionen. |
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Er war schwedischer Politiker, UN-Generalsekretär 1953 bis
1961 und Friedensnobelpreisträger 1961 - ein Preis, der posthum
verliehen wurde. Hammarskjöld führte ein Leben, das im Geheimen
der Spiritualität und dem Weltfrieden gewidmet war; eine etwas
andere Art des Doppellebens. Im Geheimen deshalb, weil ein Politiker
von Weltformat damals wie heute verheimlichen muß, welchen Geistes
Kind er ist - um nicht aufzufallen, nicht anzuecken, kein unnötiges
Aufsehen zu erregen - und um seine wahren Ziele zu erreichen,
die vielleicht sogar höheren Ursprungs sind.
Hammarskjölds wichtigste Funktion war die des Generalsekretärs
der Vereinten Nationen. Die Uno war 1945 gegründet und zur Erhaltung
des Friedens geschaffen worden. Und zu Beginn - anders, als
es etwa momentan der Fall ist - sah es auch so aus, als könne
diese Organisation ihre ehrgeizigen (und friedlichen!) Ziele
verwirklichen. Das war unter anderem auch Dag Hammarskjöld zu
verdanken. "Während seiner Zeit als Generalsekretär stand das
Vertrauen in die Uno auf einem Höhepunkt", las man etwa im Mai
1995 im schwedischen Ordfront Magasin. Warum er aufgrund
seiner Politik sterben mußte und welches Geheimnis sich hinter
dem Menschen Dag Hammarskjöld verbirgt, soll im folgenden aufgezeigt
werden.
Der Weltöffentlichkeit war Hammarskjöld als hochrangiger Politiker
mit Einfluß auf die Weltpolitik und das Weltgeschehen bekannt.
Das ist aber nur die eine Seite des Menschen Dag Hammarskjöld.
Abseits von der Politik übersetzte er die Werke der Philosophen
Martin Buber und Saint John Perse ins Schwedische und schrieb
selber seine Gedanken und Eindrücke in einem Tagebuch auf. Aufgrund
der Inhalte dieses Tagebuchs wurde er später als "moderner Mystiker"
bezeichnet.
"Mitten im Gelärm das innere
Schweigen bewahren."
Über seine Herkunft - er wurde am 29. Juli 1905 als jüngster
von vier Söhnen in Jönköping am Wettern in eine alte schwedische
Adelsfamilie hineingeboren - sagt Hammarskjöld selbst Folgendes:
"Die Familie meines Vaters bestand aus Soldaten und Regierungsbeamten,
die mir die Überzeugung vererbt haben, daß nur ein Leben lebenswert
genannt werden kann, das selbstlos dem eigenen Land oder der
Menschheit zu dienen bereit ist, was die Zurückstellung aller
persönlichen Interessen bedeutete, zugleich aber auch dazu ermutigte,
im Blick auf Recht und Wohlfahrt entschlossen eigene Überzeugungen
zu vertreten, wie immer auch der Zeitgeist beschaffen war. Von
den Gelehrten und Männern im kirchlichen Dienst, aus denen die
Familie meiner Mutter bestand, habe ich den Glauben geerbt -
und zwar im radikalen Verständnis der Evangelien -, daß alle
Menschen als Kinder Gottes gleich geschaffen sind und daß wir
sie auch als solche in Gott anerkennen und behandeln sollten.
Der Glaube ist ein Bestimmtsein des Geistes und des Herzens.
In diesem Sinne verstehen wir auch die Worte des spanischen
Mystikers Johannes vom Kreuz: ,Der Glaube ist die Einheit der
Seele mit Gott.'"
"Morgen treffen wir uns, der
Tod und ich -. Er wird den Degen stoßen in einen wachen Mann."
Sein Vater, Hjalmar Hammarskjöld, war 1914-17 als parteiloser
Konservativer schwedischer Ministerpräsident. Er wurde, nachdem
die schwedische Regierung die Lebensmittelrationierung eingeführt
hatte, "Hungerskjöld" genannt. Sein Sohn Dag startet seine politische
Karriere 1936 als Staatssekretär im Finanzministerium - eine
Tätigkeit, die er bis 1945 ausübt. 1941 bis 1948 ist er Präsident
des schwedischen Reichsbankdirektoriums, ehe er 1949 zum Staatssekretär
im Außenministerium, und 1951 zum Minister ohne Portefeuille
ernannt wird. In dieser Funktion agiert er als Stellvertretender
Außenminister. Dag Hammarskjöld wird zum Mitbegründer des modernen
schwedischen Sozialstaats.
Am 7. April 1953 beruft man ihn für fünf Jahre zum Generalsekretär
der Vereinten Nationen und wählt ihn 1957 wieder. Anläßlich
seiner Ernennung zum UN-Generalsekretär 1953 finden sich in
seinem Tagebuch die Worte: "Keiner ist stolz als im Glauben.
Denn die Spielarten geistig unreifer Anmaßung sind kein Stolz.
Demütig und stolz im Glauben: das heißt dies< I> leben,
daß ich nicht in Gott bin, aber Gott in mir." "Nicht ich, sondern
Gott in mir", ist eine seiner wichtigsten, im Tagebuch festgehaltenen
Erkenntnisse in dieser Zeit einer neuen Herausforderung.
"Nur der verdient Macht, der
sie täglich rechtfertigt."
Gewiß wurde Hammarskjöld von einigen Kreisen, die seiner Wahl
zum UN-Generalsekretär zugestimmt hatten, in hohem Maße unterschätzt.
Der schwedische Publizist Gösta von Uexküll etwa schreibt am
15. November 1956 in der Hamburger Wochenschrift Die ZEIT:
"Was Hammarskjöld als Kandidat für das höchste Uno-Amt empfahl,
war sein Ruf als Mann der Mitte. Er hatte nie irgendwo angeeckt
(...) ein idealer Kompromißkandidat. Niemand glaubte ferner,
er könne den Ehrgeiz haben, aus der Uno mehr zu machen, als
sie war: ein universaler Club - und kein Überstaat!" Mögle-Stadel
bemerkt dazu in seinem Buch Dag Hammarskjöld. Vision einer
Menschheitsethik: "Unter dem Deckmantel eines politisch
harmlosen Managers bekamen die Regierungen jenen Menschen zugespielt,
welcher wenig später schon zu einer Verkörperung des Uno-Geistes
werden sollte." Dies offenbarte sich deutlich an der Suez-Krise.
"Das höchste Gebet des Menschen
bittet nicht um den Sieg, sondern um den Frieden."
Im Oktober 1956 rücken, ausgelöst durch die Verstaatlichung
des Suezkanals durch Ägypten, England, Frankreich und Israel
in die Kanalzone ein. Die Suezkrise wird im November durch die
erstmals eingesetzten UN-"Blauhelme", die eine "Erfindung" Hammarskjölds
sind, beigelegt. "Die Ereignisse dieses Jahres haben den Generalsekretär
in scharfen Gegensatz zu dreien der Ständigen Mitglieder des
Sicherheitsrates - Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion
- gebracht, die durch ihre Aktionen gegen die Charta [der Vereinten
Nationen] verstießen", meint Anton Graf Knyphausen in der Einleitung
zu Zeichen am Weg, dem deutschen Titel des Tagebuchs
Hammarskjölds.
"Es ist sehr leicht, sich
den Wünschen einer großen Macht zu beugen. Es ist eine andere
Qualität, dem zu widerstehen."
Hammarskjöld war für die Weltmächte ein "Unbequemer". Und er
war sich der destruktiven Mächte, welche das Weltgeschehen beherrschten
und noch immer beherrschen, bewußt. In seiner berühmten Rede
The Walls of Distrust ("Die Mauern des Mißtrauens"),
die er am 5. Juni 1958 an der Universität Cambridge gehalten
hat, spricht er über die Qualitäten spiritueller Führerschaft,
meint aber auch: "(...) zerstörerische Kräfte, die schon immer
mit uns gewesen sind, machen sich in neuen Formen fühlbar. Sie
repräsentieren, jetzt wie auch zuvor, die größte Herausforderung,
welcher der Mensch ins Angesicht zu schauen hat."
Und in einem Brief vom 14. Mai 1956 an seinen persönlichen Pressesprecher
George Smith schreibt er über das Wirken von Kräften des Lichtes
und der Finsternis in der Weltpolitik: "Andere und größere Mächte,
uns teilweise unbekannt und unergründlich, scheinen das Zepter
übernommen zu haben. Es scheint, als habe Ormazd nun entschieden,
daß Ahriman für eine Weile verstummen soll." Hammarskjöld beendet
den Brief mit den Worten: "Wie auch immer, es ist besser an
diesem Punkt anzuhalten. Du verstehst auch so, was ich meine;
andere mögen schockiert sein."
"Bete, daß deine Einsamkeit
der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und
groß genug, um dafür zu sterben."
Der Konfrontationskurs Hammarskjölds gegen einige der mächtigsten
Staaten dieser Erde sollte sich noch auswirken. Zu Beginn des
Jahres 1961 hatte in der Stadt Leopoldville die Armee die Macht
übernommen: Im Kongo war der Bürgerkrieg ausgebrochen. Die Provinz
Katanga, ohne deren Bodenschätze wie Kupfer und vor allem Uran
der Kongo nicht überlebensfähig war, hatte sich abgespalten.
Rußland, England und Belgien wurden zu heftigen Gegnern der
Kongo-Aktion der Vereinten Nationen. Katanga mit seinen geostrategisch
bedeutenden Uranvorkommen als UNO-Protektorat? Das war für einige
Großmächte undenkbar.
Nachdem Verhandlungen in Leopoldville für Hammarskjöld völlig
unbefriedigend verlaufen waren, beschloß er völlig überraschend,
am 17. September nach Ndola an die Grenze zwischen Rhodesien
und Katanga zu fliegen, um mit Tschombé, dem Anführer der abtrünnigen
Provinz Katanga über einen Waffenstillstand zu verhandeln. In
seinem Zimmer in Leopoldville ließ er seine letzte Lektüre zurück,
Die Nachfolge Christi von Thomas von Kempen. In diesem
Buch fand sich der Amtseid von Dag Hammarskjöld als UN-Generalsekretär
eingetragen: keiner einzelnen Regierung zu gehorchen, sondern
nur dem Geiste der Uno-Charta verantwortlich zu sein. Später,
nach seinem Tod, fand man auf seinem Nachttisch im Schlafzimmer
Werke über asiatische Kultur und Zen-Buddhismus. Manfred Baumotte
beschreibt im Buch Nur der Frieden lastet nicht auf der Erde
die Ereignisse vor dem Abflug nach Ndola folgendermaßen:
"Um vier Uhr nachmittags sollte die Maschine der Vereinten Nationen
von dem Flugplatz Ndjile bei Leopoldville, wo sie unbewacht
gestanden hatte, aufsteigen. Alle an Bord wußten, daß sie sich
auf ein gefährliches Unternehmen eingelassen hatten. Das Flugzeug
nahm einen weiten Umweg über den Tanganjika-See; denn Tschombés
Luftwaffe beherrschte den Luftraum über Katanga. Den Vereinten
Nationen stand kein Jagdschutz zur Verfügung, denn die hierfür
bestimmten Maschinen des Negus waren noch nicht eingetroffen.
Um 20.35 Uhr näherte sich das Flugzeug Ndola, wo Lord Lansdown
mit Tschombé verhandelte. Der Turm auf dem Flughafen empfing
die Nachricht, die Maschine setzte zum Landen an. Aber erst
sechs Stunden später meldete der Flughafen, daß sie nicht eingetroffen
sei. In dieser Zeit ist sie, etwa neun Kilometer von der Grenze
Katangas entfernt, in der Landeschleife abgestürzt. Man fand
das ausgebrannte Wrack am Tag darauf. Die Leichen von Hammarskjölds
Leibwache waren mit Kugeln gespickt. Noch vor der Rettungsmannschaft
waren Plünderer am Werk gewesen. Von den fünfzehn Passagieren
war nur noch der UN-Beamte Harold Julien am Leben. Die Polizei
von Nordrhodesien verhörte ihn, ehe er starb - das Protokoll
wird noch immer geheimgehalten."
(…)
Den vollständigen Artikel über diesen außergewöhnlichen Mann
finden Sie in der gedruckten Ausgabe
Nr. 47 (bitte hier klicken).