"Herr Präsident, Sie haben dem
amerikanischen Volk nicht die Wahrheit gesagt, warum
wir die Zielscheibe des Terrorismus sind. Sie sagten,
wir seien die Zielscheibe, weil wir für Demokratie,
Freiheit und Menschenrechte in der Welt stehen. So
ein Unsinn! Wir sind das Ziel der Terroristen, weil
wir auf der Welt für Diktatur, Sklaverei und menschliche
Ausbeutung stehen. Wir sind die Zielscheibe der Terroristen,
weil man uns haßt. Und man haßt uns, weil unsere Regierung
verabscheuenswürdige Dinge getan hat.
In wie vielen Ländern auf der
Welt haben wir vom Volk gewählte Führer abgesetzt
und sie durch militärische Marionettendiktatoren ersetzt,
die bereit waren, ihr eigenes Volk an amerikanische
multinationale Konzerne zu verkaufen?
Wir machten das im Iran, als wir
Mossadegh absetzten, weil er die Ölindustrie verstaatlichen
wollte. Wir ersetzten ihn durch den Schah, und wir
bildeten seine verhaßte Savak-Nationalgarde aus, bewaffneten
und bezahlten sie, so daß sie dann das iranische Volk
versklavte und schikanierte. All dies, um die finanziellen
Interessen unserer Ölgesellschaften zu sichern. Ist
es da verwunderlich, daß es Menschen im Iran gibt,
die uns hassen?
Wir machten dasselbe in Chile,
als wir Allende absetzten, der vom Volk demokratisch
gewählt worden war, um den Sozialismus einzuführen.
Wir ersetzten ihn durch General Pinochet, einen brutalen,
rechtsgerichteten Militärdiktator. Chile hat sich
davon bis heute nicht erholt. Wir taten dies in Vietnam,
als wir im Süden demokratische Wahlen vereitelten,
die das Land unter Ho Chi Minh vereinigt hätten. Wir
ersetzten ihn durch eine ganze Reihe ineffizienter
Marionettengauner, die uns aufforderten, in ihr Land
zu kommen und ihr Volk abzuschlachten - was wir auch
taten. (Ich flog 101 Kampfeinsätze in diesem Krieg.)
Wir machten dasselbe im Irak,
wo wir eine Viertelmillion Zivilisten umbrachten in
einem mißlungenen Versuch, Saddam Hussein zu stürzen,
und wo wir seitdem mit unseren Sanktionen noch eine
weitere Million Menschen umgebracht haben. Ungefähr
die Hälfte dieser unschuldigen Opfer sind Kinder unter
fünf Jahren gewesen. Und natürlich, wie oft haben
wir das in Nicaragua getan und in all den anderen
"Bananenrepubliken" Lateinamerikas? Immer wieder haben
wir Volksführer gestürzt, die wollten, daß der Reichtum
des Bodens mit den Menschen geteilt wird, die ihn
bearbeiten.
Wir ersetzten sie durch mörderische
Tyrannen, die ihr eigenes Volk verraten und kontrollieren
würden, damit der Reichtum des Landes von Domino Sugar,
der United Fruit Company, Folgers und Chiquita Banana
herausgeholt wird.
In einem Land nach dem anderen
hat unsere Regierung die Demokratie vereitelt, die
Freiheit erstickt und die Menschenrechte mit Füssen
getreten. Das ist der Grund, warum wir überall auf
der Welt verhaßt sind. Und das ist auch der Grund,
warum wir Zielscheibe der Terroristen sind. Die Menschen
in Kanada genießen mehr Demokratie, mehr Freiheit
und mehr Menschenrechte als wir. Und genauso tun es
die Menschen in Schweden und in Norwegen. Oder haben
Sie schon einmal davon gehört, daß eine kanadische
Botschaft bombardiert wurde? Oder eine norwegische
Botschaft? Oder eine schwedische? Nein.
Wir werden nicht deshalb gehaßt,
weil wir Demokratie, Freiheit und Menschenrechte anwenden.
Wir werden gehaßt, weil unsere Regierung diese Dinge
den Menschen in Ländern der dritten Welt vorenthält,
deren Bodenschätze von unseren multinationalen Konzerne
begehrt werden. Und der von uns gesäte Hass fällt
nun auf uns zurück und verfolgt uns in Form des Terrorismus
- und zukünftig auch in Form des nuklearen Terrorismus.
Anstatt unsere Söhne und Töchter
überallhin zu schicken, um Araber umzubringen, damit
die Ölgesellschaften das Öl verkaufen können, müßten
wir sie eigentlich dorthin schicken, um die Infrastruktur
aufzubauen, sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen
und hungernde Kinder zu ernähren.
Anstatt danach zu streben, der
Herrscher über die Welt zu sein, müßten wir ein verantwortungsbewußtes
Mitglied der Familie der Nationen werden. Anstatt
Hunderttausende von Soldaten auf dem ganzen Erdball
zu stationieren, damit sie die finanziellen Interessen
unserer multinationalen Konzerne beschützen, müßten
wir sie nach Hause bringen und unser Friedenskorps
ausbauen.
Anstatt Terroristen- und Todesschwadronen
auf Folter- und Mordtechniken zu trainieren, müßten
wir die School of the Americas schließen (egal, welchen
Namen sie benutzen)[Armeeschule in Ford Benning, Georgia,
in der jährlich Hunderte von Soldaten aus Lateinamerika
ausgebildet werden; nachweislich sind viele Menschenrechtsverletzungen
in Süd- und Mittelamerika von früheren Absolventen
begangen worden. Die Schule wurde 2000 unbenannt in
The Western Hemisphere Institute for Security Cooperation.].
Anstatt Militärdiktaturen zu unterstützen, müßten
wir echte Demokratien unterstützen - das Recht der
Völker, ihre eigenen Führer zu wählen. Anstatt Aufstände,
Destabilisierung, Mord und Terror überall auf der
Welt zu unterstützen, müßten wir die CIA abschaffen
und das Geld Hilfsorganisationen zukommen lassen.
Kurz gesagt, vollbringen wir wieder Gutes anstatt
Böses. Wir werden wieder zu guten Menschen. Dann würde
auch die Bedrohung durch den Terror verschwinden.
Das ist die Wahrheit, Herr Präsident. Das ist es,
was das amerikanische Volk hören müßte. Wir sind gute
Menschen. Man muß uns nur die Wahrheit erzählen und
uns eine Vision geben. Sie können das tun, Herr Präsident.
Stoppen Sie das Töten. Stoppen Sie das Rechtfertigen
des Tötens. Stoppen Sie die Vergeltungsschläge. Stellen
Sie die Menschen an die erste Stelle. Sagen Sie ihnen
die Wahrheit.
Es ist überflüssig zu sagen, "er
hat nicht ... ", und George W. Bush hat es auch nicht
getan. Die Samen, die unsere politischen Strategien
gesät haben, haben bittere Früchte hervorgebracht.
Das World Trade Center ist nicht mehr da. Das Pentagon
ist beschädigt. Und Tausende von Amerikanern sind
tot. Fast jeder Journalist schreit nach einem massiven
militärischen Vergeltungsschlag gegen jeden, der die
Tat begangen haben könnte (es wird angenommen Osama
bin Laden) und gegen jeden, der den Terroristen (besonders
den Anhängern der Taliban-Regierung von Afghanistan)
Unterschlupf gewährt oder ihnen hilft. Steve Dunleavy
von der "New York Post" schreit: "Tötet die Mistkerle!
Bildet Mörder aus, stellt Söldner an, stellt ein paar
Millionen Dollar zur Verfügung für Kopfgeldjäger,
um sie tot oder lebend zu bekommen, am besten tot.
Was die Städte oder die Länder angeht, die diese Würmer
bei sich aufnehmen - walzt sie einfach platt." Es
ist verlockend, dem zuzustimmen. Ich hege keine Sympathie
für die Psychopathen, die Tausende unserer Leute getötet
haben. Solche Taten können nicht entschuldigt werden.
Wenn man mich zum Aktivdienst zurückrufen würde, würde
ich hingehen, ohne zu zögern. Gleichzeitig sagt mir
aber all meine militärische Erfahrung und mein Wissen,
daß in der Vergangenheit Vergeltungsschläge die Probleme
nicht gelöst haben, und sie werden es auch diesmal
nicht lösen.
Der bei weitem beste Antiterror-Apparat
ist der von Israel. Aus militärischer Sicht ist er
unglaublich erfolgreich. Trotzdem leidet Israel unter
mehr Anschlägen als alle anderen Nationen zusammengenommen.
Wenn Gegenschläge funktionieren würden, wären die
Israeli das sicherste Volk auf der Welt.
Terroranschläge konnten jeweils
nur auf eine Weise beendet werden: man muß die Unterstützung
der Terrororganisationen durch die größere Gemeinschaft,
die sie repräsentieren, unterbinden. Und der einzige
gangbare Weg ist, daß man sich die berechtigten Klagen
der Menschen anhört und versucht, ihre Beschwerden
zu lindern. Wenn tatsächlich Osama bin Laden hinter
den vier Flugzeugentführungen und dem anschließenden
Gemetzel steckt, bedeutet das, daß man die Sorgen
der Araber und der Muslime im allgemeinen ansprechen
muß, und die der Palästinenser im besonderen. Es bedeutet
nicht, daß man Israel aufgibt. Es könnte aber sehr
wohl bedeuten, daß man ihnen die finanzielle und militärische
Unterstützung entzieht, bis sie mit der Besiedlung
der besetzten Gebiete aufhören und zu den Grenzen
von 1967 zurückkehren. Es könnte auch bedeuten, daß
man zuläßt, daß die arabischen Länder ihre politischen
Führer selbst wählen, und nicht von handverlesenen,
von der CIA eingesetzten Diktatoren regiert werden,
die willfährig mit westlichen Ölgesellschaften kooperieren.
Chester Gillings hat es sehr treffend
gesagt: "Wie schlagen wir gegen bin Laden zurück?
Als erstes müssen wir uns fragen, was wir zu erreichen
hoffen: Sicherheit oder Rache? Diese beiden schließen
sich gegenseitig aus: Wenn wir Rache nehmen, werden
wir ganz bestimmt unsere Sicherheit verringern. Wenn
wir nach Sicherheit streben, dann müssen wir beginnen,
auch die schwierigen Fragen zu beantworten: Welche
Beschwerden bringen die Palästinenser und die arabische
Welt gegen die Vereinigten Staaten vor, und worin
besteht unsere wirkliche Schuld an diesem Unrecht?
Da, wo wir berechtigte Schuld tragen, müssen wir auch
bereit sein, die Mißstände soweit wie möglich zu beheben.
Da, wo wir keine Schuld oder Heilung sehen, müssen
wir unsere Standpunkte den Arabern ehrlich und aufrichtig
mitteilen. Kurz gesagt, ist unsere beste Vorgehensweise,
uns aus den Disputen der Region zurückzuziehen und
nicht mitzukämpfen."
Bin
Laden jetzt zu töten, würde aus ihm einen ewigen Märtyrer
machen. Tausende würden sich erheben, um seinen Platz
einzunehmen. Wir würden es in einem anderen Jahr mit
weiteren Terroranschlägen zu tun bekommen, und wahrscheinlich
mit viel schlimmeren als dem 11. September. Es gibt
aber noch einen anderen Weg. Kurzfristig müssen wir
uns vor denjenigen schützen, die uns bereits hassen.
Das bedeutet verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und bessere
Nachrichtendienste. Im März schlug ich Kongreßmitgliedern
vor, daß wir jegliche Mittel für "Star Wars" verweigern
sollten, bis die Regierung und die Verwaltung zeigen
könne, daß sie alle möglichen Nachforschungen anstellen,
um Massenvernichtungswaffen, die heimlich in unser
Land gebracht werden (eine wesentlich größere Bedrohung
als Interkontinentalraketen), aufzuspüren und abzufangen.
Es können viele Schritte unternommen werden, um unsere
Sicherheit zu erhöhen, ohne dabei die Bürgerrechte
einzuschränken.
Längerfristig müssen wir jedoch
unsere Politik ändern, um zu verhindern, daß wir Furcht
und Hass hervorrufen, die neue Terroristen hervorbringen.
Wenn wir vom ausländischen Öl unabhängig werden -
durch Aufbewahrung, durch einen effizienten Umgang
mit Energie, durch Energieproduktion aus erneuerbaren
Quellen und indem wir zu einem umweltverträglichen
Transport übergehen -, werden wir in der Lage sein,
eine vernünftigere Nahostpolitik zu betreiben.
Die große Mehrheit der Araber
und Muslime sind gute, friedfertige Menschen. Aber
eine genügend große Zahl von ihnen haben sich, aus
Verzweiflung, Wut und Angst, zuerst Arafat zugewendet
und sich jetzt bin Laden angeschlossen, um ihr Elend
zu lindern. Herr Präsident, beseitigen Sie die Verzweiflung,
geben Sie ihnen etwas Hoffnung, und die Unterstützung
für den Terrorismus wird sich in Luft auflösen. Wenn
dieser Punkt erreicht ist, wird sich bin Laden dazu
gezwungen sehen, den Terrorismus aufzugeben - so wie
es auch Arafat getan hat, oder er wird wie ein gewöhnlicher
Krimineller behandelt werden. In beiden Fällen werden
er und sein Geld keine Bedrohung mehr darstellen.
Wir können Sicherheit haben . oder Rache. Beides können
wir nicht haben.
Wir sollten gut sein anstatt schlecht.
Und wenn wir es wären, wer könnte dann gegen uns sein?
Wer würde uns hassen? Wer wollte uns bombardieren?
Das ist die Wahrheit, Herr Präsident.
Das ist es, was das nordamerikanische Volk hören sollte.
* Dr. Robert Bowman leitete alle
,Star Wars'-Programme unter Präsident Ford und Präsident
Carter. Er flog 101 Kampfeinsätze in Vietnam. Er schrieb
seine Doktorarbeit in Aeronautik und Nukleartechnologie
bei Caltech. Er ist Präsident des Instituts für Weltraum-
und Sicherheitsstudien und Vorsitzender Erzbischof
der Vereinigten Katholischen Kirche.
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Nr. 36.